Tierische Nachbarinnen
Es war ein tiefes Brummen, anders als das der Hummel, deutlich lauter als das der Wespe. Als ich die Verursacherin des Brummens ausmachte durchfuhr mich ein Schreck: Eine Hornisse! Eine irrationale Angst jagte mir durch die Glieder und schien mir zugleich den Verstand zu vernebeln. Sätze wie „ein Hornissenstich kann ein Pferd töten“ kamen mir in den Sinn und ich ertappte mich bei dem Gedanken, ob ich sie töten sollte.
Nach und nach setzten die Funktionen meines Verstandes wieder ein und damit auch das Bewusstsein, dass dieses Tier unter Artenschutz steht und die Tötung nicht nur moralisch fragwürdig, sondern auch eine Straftat wäre. Und zwar eine, die empfindliche Strafen nach sich ziehen würde: Im Bundesland Bremen wird sie mit bis zu 50.000 Euro geahndet. (https://www.bussgeldkatalog.org/tierschutz-hornisse/)
Nachdem der lähmende Moment der Angst verstrichen war, hatte ich mich daran gemacht, das Wesen der Hornisse zu erforschen. Nun, da wir quasi Nachbarinnen geworden waren, wollte ich mehr über sie erfahren. So erfuhr ich zum Beispiel, dass sie weitaus friedlichere Gesellinnen waren als ihre kleinen „Schwestern“ die Wespen. Hornissen werden fast nie aggressiv, außer sie sehen ihr Nest bedroht – was aus meiner Sicht ein guter Grund ist. Sie fallen augenscheinlich nicht über ein Kuchenbuffet her und lassen sich mit Abstand bei ihren Arbeiten sogar beobachten. Und wie faszinierend ihre Arbeit ist! Wahre Kunstwerke erschaffen diese kleinen Wesen, riesige architektonische Gebilde werden im Zusammenspiel vieler, manchmal sogar hunderter sogenannter Drohnen entworfen. „Meine“ Hornisse schien sich irgendwo im Einzugsbereich meines Landparadieses ihr Nest gebaut zu haben. Bis auf die Erkundungsflüge an meiner Hütte und am See habe ich keine Spuren von ihr ausmachen können. Im Internet sind die Kunstwerke jedoch zu bestaunen und Wissen rund um diese friedlichen Riesenbrummerinnen kannst du zum Beispiel auf den Seiten des NABU finden (https://www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/insekten-und-spinnen/hautfluegler/wespen-und-hornissen/00492.html)
Mit diesem neuen Wissen konnte ich kann nicht anders, als Respekt zu empfinden. Welch Wandlung – von Vernichtungsabsicht aus Angst bis hin zum respektvollen Miteinander voller Staunen und Bewunderung.
In meinem Herzen hallt die Frage nach, wann ich noch aus Angst vor Fremdheit mit dem Wunsch nach dessen Verschwinden reagiere. Wieviel Raum bietet unsere Gesellschaft eigentlich das zu benennen, was Angst macht, weil es fremd erscheint?
Ich glaube, es ist eine zutiefst menschliche Reaktion, vor etwas Fremden Angst zu empfinden. Sicher reagieren die Menschen unterschiedlich, doch etwas, das ich nicht kenne, kann ich nicht einschätzen und was ich nicht einschätzen kann, könnte eine potenzielle Gefahr darstellen und auf Gefahren mit Angst zu reagieren, erhört die Aufmerksamkeit, die Anspannung und kann zu den bekannten Verhaltensmustern bei Gefahr führen, die Lebensrettung bedeuten können: Fight – Flight – Freeze: Kampf, Flucht, Erstarrung.
Natürlich besteht auch die Möglichkeit, auf das Fremde anders zu reagieren, zum Beispiel mit Neugier. Um was mag es sich handeln? Ich könnte mich dem vorsichtig nähern und mit Interesse beobachten, ohne mich in Gefahr zu bringen. Zu welcher Art von Reaktion ich neige, hängt sicherlich von vielem ab – nicht zuletzt davon, inwieweit mein Ur-Vertrauen, mein Grundvertrauen in die Welt von frühester Kindheit an genährt wurde. Und es gibt viele Menschen, die in diesem Sinne unter-ernährt sind und vielleicht eher mit Angst als mit Neugier reagieren.
Und daher wieder die Frage, wieviel Raum gewähren wir, Ängste zu benennen, ohne uns lächerlich zu machen und gar beschimpft zu werden, weil es unangebracht scheint, in dieser Situation Angst zu empfinden?
Doch was ich nicht benennen darf, was nicht sein darf, kann ich nicht wahrnehmen und verändern, sondern es muss verdrängt werden und gärt im dunklen, zugriffsfreien Raum vor sich hin. Darf ich aber aussprechen, was mich ängstigt und treffe dabei auf Verständnis statt auf Verspottung oder Verurteilung, kann ich gemeinsam mit anderen schauen, was es eigentlich ist, was mir an dieser Fremdheit Angst macht. Und je mehr ich darüber weiß, desto mehr verliert die Angst an Macht. Im Idealfall darf sie sich auflösen und verwandeln – wie meine Angst vor der Hornisse. Doch was wäre gewesen, wenn ich in mir nicht die Erlaubnis gefunden hätte, diese Angst – zumindest vor mir selbst – zuzugeben? Was passiert, wenn die Gesellschaft über bestimmte Ängste ein Tabu verhängt und Schweigen verordnet?
Über welche Ängste würdest du gern vorurteilsfrei sprechen dürfen?
Was hallt in deinem Herzen nach?
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